Deutsch-Italienischer
Übersetzerpreis

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien

Monika Grütters
Staatsministerin für Kultur und Medien

Rede der Kulturstaatsministerin Monika Grütters zur Verleihung des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises am 26. Juni 2017 in Berlin


Kulturstaatsministerin Grütters hat Victoria Lorini, Reimar Klein und Martin Hallmannsecker mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis ausgezeichnet "Dieser Preis ist Zeugnis langjähriger und fruchtbarer interkultureller Beziehungen zwischen Deutschland und Italien", würdigte Grütters die großartigen Übersetzungsleistungen. "Literarische Übersetzungen eröffnen inspirierende Räume der Verständigung und des Verstehens."

Die Skulpturensammlung im Bode Museum ist das Zuhause vieler schöner Italienerinnen, die Besucherinnen und Besucher aus aller Welt verzaubern. Millionen Menschen kommen hierher, um beispielsweise die Tänzerin mit Zimbeln von Antonio Canova aus nächster Nähe zu bewundern. Ihre Anmut und Perfektion überwältigen unmittelbar, berühren Franzosen und Spanier ebenso wie Chinesen und Brasilianer. Denn man muss nicht aus Italien kommen, um Canovas Skulpturen zu lieben, Caravaggios Gemälde zu verehren und Puccinis Opern zu genießen. Aber man müsste sehr wohl der italienischen Sprache mächtig sein, um Werke Giorgio Vasaris, Roberto Calassos oder Luigi Pirandellos zu lesen - wenn es nicht begnadete Vermittlerinnen und Vermittler gäbe, die sie Menschen aus anderen Sprach- und Kulturräumen zugänglich machen. Jene Übersetzerinnen und Übersetzer, die es deutschen Leserinnen und Lesern ermöglichen, sich auch von italienischer Lyrik und Prosa überwältigen zu lassen, zeichnen wir heute mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis aus. Mit unserem Preis, den wir bereits zum zehnten Mal vergeben, wollen wir ihnen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und ihrer eigenständigen künstlerischen Leistung die hoch verdiente Anerkennung verschaffen.

Vielleicht hatte der deutsche Arzt und Übersetzer Carl Bertrand Schönheiten wie die Tänzerin Canovas im Sinn, als er - im Vorwort seiner Übersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie" - feststellte: "Übersetzungen gleichen den Frauen: sind sie treu, so sind sie nicht schön, und sind sie schön, so sind sie nicht treu." Das komplexe, das ambivalente Wesen des weiblichen Geschlechts kommt dabei zwar kaum in all seinen Facetten zum Ausdruck, aber die Aussage trifft doch den Kern der herausfordernden Aufgabe der Übersetzerinnen und Übersetzer: Dem Inhalt eines Textes treu zu bleiben, dabei aber gleichzeitig dem ästhetischen Anspruch der Literatur gerecht zu werden, der Sprache also ebenso zu folgen wie der Sprachmelodie, den poetischen Stilmitteln eines Textes. Dieser Spagat ist im wahrsten Wortsinn ein Kunststück, das weit mehr erfordert als perfekte Grammatik-Kenntnisse und einen umfassenden, flexiblen Wortschatz in beiden Sprachen.

Übersetzen ist eine eigene Sparte der Dichtkunst und für Ihre großartigen Übersetzungsleistungen verleihen wir Ihnen, liebe Frau Lorini, lieber Herr Klein, lieber Herr Hallmannsecker, den deutsch-italienischen Übersetzerpreis. Ein herzliches Dankeschön den Mitgliedern der Jury, die sich der schwierigen Auswahl der schönen und treuen Übersetzungen mit so viel Engagement gewidmet haben; ein herzliches Dankeschön auch dem Auswärtigen Amt für die gute Zusammenarbeit unserer Häuser in Vorbereitung der heutigen Preisverleihung.

Es sind aber nicht nur Schriftsteller und Literaturliebhaber, die Übersetzerinnen und Übersetzer glücklich machen. Jenseits des ästhetischen Genusses ist ihre Arbeit auch von großer politischer Bedeutung: Der Deutsch-Italienische Übersetzerpreis ist Ausdruck der gemeinsamen Überzeugung Deutschlands und Italiens, dass Literatur, dass Kultur Brücken zu bauen vermag, wo Politik und Diplomatie an ihre Grenzen stoßen. Ich bin sehr froh, verehrte Frau Staatssekretärin Borletti Buitoni, dass unsere beiden Länder aus ihrem Selbstverständnis als europäische Kulturnationen heraus den traditionell starken, vielfältigen kulturellen Austausch lebendig halten und dass Gespräche über eine Verstetigung des Preises über 2018 hinaus laufen.

"Treu und schön" - kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe bringt auch dieses - nennen wir es "Übersetzer-Dilemma" auf folgende Formel: "Was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen." In diesem Sinne lassen literarische Übersetzungen zuvor fremde Gedankenwelten Teil unserer Sprachwelt werden. Übersetzungen eröffnen Räume der Verständigung und des Verstehens. Der Deutsch-Italienische Übersetzerpreis ist nicht nur eine Würdigung der herausragenden künstlerischen Leistungen ausgezeichneter Übersetzerinnen und Übersetzer, er ist zugleich Zeugnis langjähriger inspirierender und fruchtbarer interkultureller Beziehungen zwischen Deutschland und Italien.

Herzlichen Glückwunsch den Preisträgerinnen und Preisträgern: Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude und geistigen Genuss bei einem der "würdigsten Geschäfte im Weltwesen"!