Rede von Staatsminister Bernd Neumann anlässlich der Verleihung des deutsch-italienischen Übersetzerpreises

Mi, 02.03.2011

 

In seiner Rede im Berliner Bode-Museum wies Kulturstaatsminister Bernd Neumann auf die engen kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien hin und hob hervor, dass erst Übersetzungen Weltliteratur möglich machen.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

gleich zu Anfang muss ich Ihnen zu leider mitteilen, dass Minister Bondi heute nicht an der Verleihung des deutsch-italienischen Übersetzerpreises teilnehmen kann.

Meine Damen und Herren,
ich kann Minister Bondi nur zustimmen: Italien und Deutschland – das ist seit Jahrhunderten geradezu eine Liebesbeziehung. Im kulturellen Austausch war unser Land jedoch über weite Strecken wohl eher die inspirierte Seite, Italien eher die inspirierende.

Kein Wunder, dass Deutschland in Italien so viele und so vielfältige kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen unterhält wie in keinem anderen Land der Welt. Einige davon – die Casa di Goethe, die Villa Massimo, das Deutsche Studienzentrum in Venedig und die Villa Romana in Florenz – werden von meinem Haus getragen. Ich habe sie mittlerweile alle besucht, und ich musste feststellen, dass sie nicht nur hoch angesehene Botschafter deutscher Kultur in Italien sind, sondern – und das finde ich ganz wichtig –: auch ein lebendiger Teil der Kultur vor Ort.

Auch der deutsch-italienische Übersetzerpreis, den wir heute zum 4. Mal vergeben, Ausdruck enger Beziehungen zwischen Deutschland und Italien. Im jährlichen Wechsel wird er – einmal in Rom, einmal in Berlin – alternierend an Übersetzerinnen und Übersetzer beider Sprachen verliehen. Auf diese Weise wird deutlich, dass Übersetzen im Idealfall ein Geben und Nehmen ist, ein Transfer in beide Richtungen und keine Einbahnstraße. Denn erst Übersetzungen machen Weltliteratur möglich. Sie erweitern unseren Horizont als Leser, indem sie den Blick auf andere Kulturen lenken, aber sie dehnen zugleich auch die Grenzen unserer eigenen Sprache aus.

Diese Einsicht ist nicht selbstverständlich, denn noch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte Giacomo Leopardi konstatiert, "dass die besondere Wesensart einer Sprache stets von Natur die anderen Arten ausschließt". Wir würden uns heute – auch angesichts der Zahlen auf dem Buchmarkt – dieser Einschätzung des großen Dichters und Philologen nicht mehr anschließen wollen: Rund ein Drittel der in Deutschland neu erscheinenden Belletristik sind Übersetzungen, und zwar nicht nur aus dem Englischen, Französischen oder Spanischen, sondern auch aus zahlreichen kleineren Sprachen. Ohne Übersetzer stünde die ganze Buchbranche schlecht da. Und zu Recht sind viele Übersetzer heute oftmals gefeierte Größen. Das war nicht immer so.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Übersetzer von Literatur nicht vorkamen. Weder auf den Titelseiten der von Ihnen übersetzten, oder – wie es früher oft hieß –"übertragenen" Werke, noch im Bewusstsein der Leser. Ihre Namen waren Geheimtipps für Kenner und Eingeweihte. Eine gewisse Ausnahme machten allenfalls die Übersetzer von Lyrik – vor allem, wenn Sie selbst angesehene Dichter waren. Ich denke da an Goethe, der Benvenuto Cellini übersetzte, oder an Rainer Maria Rilke, der die Sonette Michelangelos kongenial nachgedichtet hat.

Wenn wir heute die Leistung der literarischen Übersetzer mit ganz anderen Augen sehen, dann hat das mehrere Gründe. Zum einen sind die Leser empfänglicher geworden für die Qualität und den ästhetischen Wert guter und stilsicherer Übersetzungen. Zum anderen legt die Literaturkritik ihr Augenmerk sehr viel intensiver als früher auf die sprachliche oder poetische Qualität. Was ich besonders begrüße, ist, dass sich auch die Übersetzer selbst zunehmend erfolgreich für den Wert ihrer Arbeit stark machen. Das BGH-Urteil vom Januar dieses Jahres ist ein Schritt in die richtige Richtung. Verlagen muss klar sein, dass sie ohne die kreative geistige Leistung von Übersetzern – im wahrsten Sinne – wortlos blieben. Klar ist: Deren Leistung darf nicht nur im Feuilleton gewürdigt werden – sie braucht auch, ganz handfest, eine angemessene Vergütung und, vor allem: verbindliche Regeln. Dafür setze ich mich gerne ein!

Meine Damen und Herren,
der Bund vergibt nicht nur Preise für Übersetzer wie heute, sondern wir fördern vor allem – und seit langem! – sozusagen das Alltagsgeschäft des Übersetzers. Seit 1997 vergibt der Deutsche Übersetzerfonds bei der Kulturstiftung des Bundes, die von meinem Haus finanziert wird, Stipendien in Höhe von über einer halben Million Euro jährlich, und zwar sowohl an junge sowie auch an etablierte deutschsprachige Übersetzer.

Viele der hochgelobten Übersetzungen der vergangenen Jahre sind aus dieser "Werkstatt" hervorgegangen. So wurde auch die diesjährige Preisträgerin Barbara Kleiner mit einem Reisestipendium ausgezeichnet. Um die immense Leistung der Übersetzer noch mehr zu honorieren, habe ich in den letzen drei Jahren eine schrittweise Erhöhung der Bundesmittel des Übersetzerfonds um 50 % dursetzen können. Da es gerade Übersetzern in ihrem von Zeit- und oftmals auch Finanzdruck geprägten Berufsleben an Möglichkeiten zur Weiterbildung mangelt, hat mein Haus 2009 ein Projekt ins Leben gerufen, das mit gezielten Angeboten für junge Talente das erreichte hohe Niveau festigen und ausbauen möchte.

Meine Damen und Herren,
die hohe Kunst der Literaturübersetzung besteht gerade darin, dass das, was den literarischen Rang eines Werkes ausmacht, nicht einfach nur hinüber transportiert wird, sondern mit hohem sprachlichen und poetischen Können gestaltet wird.

Diese besondere Qualität zeichnet auch den Großteil der 34 Bewerbungen um den diesjährigen Preis aus, so dass der Jury unter dem Vorsitz von Frau Albáth, wie ich hörte, die Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Nicht lange überlegen und beraten musste die Jury allerdings bei der Vergabe des Preises für ein Lebenswerk. Maja Pflug übersetzt seit 30 Jahren italienische Literatur ins Deutsche. Sie hat uns zuletzt mit Cesare Paveses "Einsame Frauen" ein Hauptwerk der italienischen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu geschenkt. Das italienische Kulturministerium hat den Preis für das Lebenswerk übernommen – eine sehr lobenswerte Geste und eine hohe Anerkennung aus dem Land, dem Maja Pflug ihr literarisches Talent gewidmet hat!

Mit Barbara Kleiners Übersetzung von Ippolito Nievos "Ein Engel an Güte" wird ein sprachlich außerordentlich nuancenreiches und erzählerisch üppiges Werk gewürdigt, das in seiner deutschen Übertragung nichts an Frische und Vielstimmigkeit eingebüßt hat. Den Nachwuchsförderpreis erhält Julika Brandestini. Es macht, auch angesichts des Wetters in Deutschland, fast neidisch, dass Sie deshalb einen Monat in der Villa Massimo verbringen können!

Ich danke nun den Mitgliedern der Jury, dass sie ihre Kompetenz und ihre Sensibilität für unsere beiden Sprachen zur Verfügung stellen. Dem Auswärtigen Amt danke ich für die gelungene Kooperation.

Die diesjährigen Preisträger und ihre Übersetzungen belegen einmal mehr, was Friedrich von Hardenberg, besser bekannt unter seinem Dichternamen Novalis, Ende des 18. Jahrhunderts zur Kunst des Übersetzens schrieb, dass nämlich "übersetzen so gut als dichten, als eigene Werke zustande bringen" sei – "und noch schwerer, seltener".

Herzlichen Glückwunsch Ihnen dreien, dass Sie diese "schwere und seltene" Leistung vollbracht haben!