Laudatio von Maike Albath

Bode Museum 2. März 2011

Er heißt Rüdiger Schildknapp. Ein Übersetzer aus dem Englischen, hochbegabt, witzig, weltgewandt, mit dem sich die Salondamen gern umgeben, ein Gentleman, der die Etikette auf lässige Art zu bedienen weiß. Aufgrund seines Berufes ist er eher knapp bei Kasse, aber er beherrscht die Kunst, seine abgewetzten Tweedjacketts und gewürfelten Strümpfe so stilvoll zu tragen, dass er wie ein britischer Landadliger daher kommt. Erfunden hat diesen charismatischen Vertreter der Übersetzerzunft Thomas Mann, um ihn seinem urdeutschen Helden, dem Komponisten Adrian Leverkühn im Doktor Faustus zur Seite zu stellen. Rüdiger Schildknapp ist der lichtvolle Kumpan, der die Gabe der Unbekümmertheit besitzt und einen ausgeprägten Sinn für Humor hat. Natürlich schreibt ihm Thomas Mann, der mit Rüdiger Schildknapp seinem Freund Hans Reisiger ein Denkmal setzte, auch weniger liebenswerte Seiten auf den Leib, die uns hier nicht weiter kümmern sollen. Die Gestaltung der Figur vermittelt einige Einsichten ins Handwerk des Übersetzens. Der Name Schildknapp signalisiert Gefolgschaftstreue, was durch den ritterlichen Vornamen Rüdiger – so heißt auch der Markgraf von Bechelaren in den Nibelungen – noch unterstrichen wird. Thomas Mann mag damit die loyale Haltung zu Leverkühn im Sinn gehabt haben. Man könnte den Namen aber auch als einen Ausdruck von Vasallentreue der Sprache gegenüber deuten. Mit der eigenen Sprache zu verschmelzen, in ihr vollkommen aufgehoben zu sein und sie wie ein Instrument zu beherrschen – das hat etwas mit dem ritterlichen Bündniss zu tun. Ähnlich verhält es sich mit der Treue zu einem Schriftsteller. Zur Stimme eines anderen zu werden, die eigene Sprachkraft und Lebenszeit in dessen Dienst zu stellen, ohne dass dies größere Beachtung findet oder entsprechend entlohnt wird, ist ohne Zweifel ein Akt der Ritterlichkeit. Unsere Preisträgerinnen legen dieses Schildknappsche Vasallentum an den Tag. Barbara Kleiner hat nach den achthundertseitigen Bekenntnisse eines Italieners von Ippolito Nievo auch noch sein Debüt Ein Engel an Güte ins Deutsche gebracht, für das wir sie heute prämieren. Und für die neapolitanische Schriftstellerin Fabrizia Ramondino gibt es keine standhaftere Vasallin als Maja Pflug. 

Der Thomas Mannsche Shakespeare-Übersetzer Rüdiger Schildknapp besitzt aber noch eine aufschlussreiche Gabe. Was ihn nämlich ausmacht, ist sein Spürsinn: „Das Potentielle war seine Domäne, der unendliche Raum des Möglichen sein Königreich – darin und soweit war er wirklich ein Dichter“, heißt es im Doktor Faustus. Und genau das ist es, wofür wir heute unsere Preise verleihen. Barbara Kleiner, Maja Pflug und Julika Brandestini erforschen die Sphäre des Potentiellen. Der unendliche Raum der Sprachschwingungen – also das, was nicht direkt ausgedrückt wird, sondern als kultureller oder soziologischer Kontext untergründig transportiert wird – ist ihr bevorzugtes Terrain. Alle drei pflegen ein durch und durch schöpferisches Verhältnis zur Sprache. 

Geprägt von den Mailänder Aufklärern verfolgte Ippolito Nievo, der 1831 geboren wurde, für die italienische Einheit eintrat und als knapp Dreißigjähriger ums Leben kam, mit seinen Büchern einen erzieherischen Gedanken, ohne je belehrend zu wirken. Vor allem seinem Erstling Ein Engel an Güte von 1856 merkt man an, wie sehr er seinen Stil an ausufernden Liebesbriefen geschult hatte. Aber es liegt allein an Barbara Kleiner, dass Nievos Debüt auch im Deutschen ein funkensprühender Roman geworden ist. Angesiedelt ist die Geschichte in der Spätphase der Republik Venedig 1749. Inmitten von Korruption und moralischer Verwahrlosung hat sich die junge Morosina ihre schöne Seele bewahrt. Sie bekehrt nicht nur ihren langjährigen Verehrer, einen mit allen Kanalwassern venezianischer Verführungskunst gewaschenen Lackaffen, zu wahrer Liebe, sondern hebelt auch den schlauen Plan ihres greisen Vormundes und Zwangsehemannes aus. Eingearbeitet in den Roman ist eine vergnügliche Commedia, die dank der gestalterischen Fähigkeiten Barbara Kleiners eine goldoniartige Brillanz entfaltet. Auch der politischen Diagnose Nieovs verleiht sie die angemessene Bissigkeit: 

„Die Seelen der guten Venezianer – im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts hatten sie sich wahrhaft sehr verleiblicht. Der Wohlstand hatte zu Müßiggang und Leichtsinn geführt und im gleichen Maße zu Sittenlosigkeit, die wie eine Seuche um sich griff; Schändliches, was sonst in der Familie blieb, war nun in aller Munde, und auch das Gefühl von Anstand blieb von dieser allgemeinen Umwälzung der moralischen Ordnung nicht verschont. (…) Verpönt war jede Form von Mäßigung; verloren der Sinn für das Schöne, der sich ja nur in harmonisch gebildeten Seelen entfalten kann; Ämter, Titel, Würden käuflich, denn Gold ist das Mittel zur Befriedigung jeder rohen Lust; Erziehung ein Hohn; die öffentlich bestallten Lehrer entweder feiste Günstlinge oder schwülstige Phrasendrescher; die Dienerschaft servile Weggefährten oder wissende Kumpane; die Gesellschaft insgesamt schließlich ein Gemisch aus Hochmut, Verderbtheit, unsäglicher Einfalt, feiger Heuchelei und widerwärtiger Speichelleckerei.“ (1)

Das schrieb Ippolito Nievo 1856.

Der reichen Lexik Barbara Kleiners gebührt besondere Aufmerksamkeit. Immer wieder findet sie schöne deutsche Wörter, die einerseits den historischen Abstand vermitteln, andererseits aber nie nur antikisierend wirken. Für „sgomentavano“ wählt sie „schreckte“, aus dem „sfarzo innocente“ wird ein „harmloses Gepränge“. Aus Verben wie „affoltarsi“ wird „drängten“ und „mengten sich“. Aus der Formulierung „finalmente adagiata quella guasta persona del vecchio sui neri cuscini“, die sich auf den Inquisitor bezieht, macht sie „als die gebrechliche Gestalt des Alten endlich in den schwarzen Kissen ruhte“. Es gibt herrliche Dialoge, bei denen die Färbung der Stimmen wunderbar modelliert wird. So kommt der hoch betagte Inquisitor abgeklärt und gewitzt daher, der Verehrer Morosinas tönt nassforsch, die Dienerinnen spitz, Morosina klingt frisch und arglos, ihr Vater, der Podestà, phrasenhaft und feige, als er ihr mit größter Unverfrorenheit die schlimmste Nachricht übermittelt. 

„„Weißt du es nicht?“, fragte der Podestà und sah sie groß an. 

„Ich? Rein gar nichts“, antwortete Morosina ganz erstaunt. „Was wollen Sie damit sagen?“ „Vorerst will ich gar nichts sagen,“ erwiderte der Podestà. „Aber…“ 

„Aber was?“, fragte das junge Mädchen beunruhigt. 

„Still!“, entgegnete der Alte mit geheimnisvoller Gebärde. 

„Was heißt hier ,still’? Um Himmels willen“, rief Morosina, „wenn ein Unglück geschehen ist, dann lassen Sie mich auch daran teilhaben.“ 

„Ein Unglück…? Ein ausgemachtes Glück ist es!“ rief der Podestà. „Stellt Euch vor, man will Euch…“ 

„Was will man?“ 

„Man will…“ 

„Aber ich bitte Euch, mein lieber Vater!“ 

„Jetzt habe ich es zur Hälfte schon gesagt… da kann ich es auch gleich ganz sagen…! Wohlan, mein Kind, man will dich verheiraten…!“ (2)

Leider mit dem falschen Mann, der richtige, so die venezianische Intrige, könnte doch als Liebhaber in Aktion treten und für Nachkommenschaft sorgen. Aber dieser perfide Plan scheitert an Morosinas Integrität. Barbara Kleiner vermittelt das Verschmitzte an Nievos Erzählweise ebenso wie seine feinsinnige, an Ariost geschulte Ironie und seinen erzählerischen Übermut. Ein Fundstück ist z.B. die Kapitelüberschrift „Liebesseligkeit“, die im Original „Il dolce d’amore“ lautet. Die Übersetzerin umgarnt, umtändelt und umschmeichelt den Leser genauso, wie der alte Inquisitor sein Ziehkind; sämtliche Verführungsstrategien übertragen sich auch auf die Sprache. Ein Engel an Güte besitzt das, was dem italienischen Hofmann als erstrebenswert galt: sprezzatura, Anmut und Lässigkeit. Erwähnen möchte ich die durchaus gelungene zeitgenössische Übersetzung von Nievos Erstling, die Otto Borchers 1877 unter dem Titel Ein Engelsherz bei Wilhelm Grunow in Leipzig vorlegte. Von Walter Benjamin wissen wir, dass Übersetzungen im Unterschied zu Originalen altern. So besitzt Borchers Variante eine gewisse Gravität, die nicht zu Nievo passt. Die Rede von „Engelsherz“ und „Sittlichkeit“ hat heute einen unfreiwillig großmütterlichen Klang, und Formulierungen wie „der Schlummer senkte sich herab“ wirken kitschig. Bei Barbara Kleiner bekommt Nievo seine alte Frische zurück: Ihr Engel an Güte ist so glanzvoll wie Venedig an einem Sonnentag. 

Auch Maja Pflug, die wir heute für ihr Lebenswerk auszeichnen, hat mit einer beeindruckenden Neuübersetzung von sich reden gemacht. 2009 kam ihre Übertragung von Cesare Paveses Die einsamen Frauen heraus, mit der es ihr gelang, den piemontesischen Schriftsteller von dem bieder-verschmockten Fünfziger-Jahre-Tonfall der ersten Übersetzung zu befreien und ihm seine ursprüngliche Schärfe und Knappheit zurückzugeben. Maja Pflugs Arbeit der letzten Jahrzehnte zeigt die Vielfalt ihrer Register. So fand sie für Pasolinis Briefe einen mal intimen, mal auftrumpfenden Tonfall, während sie in den Romanen und Erzählungen von Natalia Ginzburg die schwierige Balance zwischen Lakonie und zärtlicher Anteilnahme hielt und die karge Schönheit des syntaktischen Rhythmus auch im Deutschen reproduzierte. Auch die sachliche Klarheit, den feinsinnigen Humor und die Unverblümtheit Ginzburgs, die vor allem die Essays auszeichnen, bringt Maja Pflug auf bewundernswert leichtfüßige Art und Weise zum Ausdruck. Mit der skalpellgeübten Präzision einer Chirurgin übertrug sie das Assoziationsgewebe eines Giovanni Orelli und vermittelte den partiturartigen Aufbau seines Buches, arbeitete sich sogar in Details der Fußballgeschichte ein, die mit dem Stürmer Walacek, den Grasshoppers Zürich und Servette Genf zu tun hatten. Und dann die schon erwähnte Fabrizia Ramondino! Ein Vierteljahrhundert lang war Maja Pflug die deutsche Stimme dieser zwischen Spanien, Frankreich und Neapel aufgewachsenen Schriftstellerin, wurde zur Botanikerin und Expertin mediterraner Fauna und Flora, wälzte Enzyklopädien und Lexika, suchte auf Märkten nach Früchten, fand Entsprechungen für süditalienische Apfelsorten, die es längst nicht mehr gibt, für mallorquinische Pflanzen und Handwerkertraditionen. 

In Ramondinos Debüt Althénopis, das 1986 auf Deutsch heraus kam und zu den schönsten Büchern der achtziger Jahre gehört, heißt es über die Großmutter der Erzählerin: „Sie war immer schwarz gekleidet, doch wenn sie über den Kirchplatz von Santa Maria del Mare ging, umzuckten sie die Farben wie Höllenflammen, gelb, violett, zuweilen gar rot und grün; sie trug keine Armbänder, und doch schien es, als strahle ein goldener Schimmer um ihre Handgelenke. Hochaufgerichtet und rasch schritt sie aus, mit schwankendem Haarturm: Schwung und Größe; unter dem schwarzen Rock zeichnete sich elegant das Bein bis zum Schenkel ab; das Kleid war ausgeschnitten über der mageren, geröteten Brust, 

ein breites Band aus schwarzem Samt umschloss die erregten Adern an ihrem Hals.“ (3)

Elegant verleiht Maja Pflug der Prosa einen schreitenden Rhythmus, den sie auch im Original besitzt. Ohne ihre ritterliche Treue zu Fabrizia Ramondino wäre das letzte Buch der 2008 verstorbenen Schriftstellerin möglicherweise gar nicht auf Deutsch erschienen. La Via heißt es, und es ist ein schwer zu übersetzender Roman über einen Kapitän, der sich in dem Städtchen Acraia von einer Krankheit erholt und lauter Geschichten über die Bewohner erfährt. Die Figuren heben immer wieder zu Monologen an, die sich in ausgedehnten Satzperioden fortschrauben. Im Deutschen hätte sich leicht der Eindruck der Schwere einstellen können, dem Maja Pflug aber durch die Geschmeidigkeit ihrer Syntax entgeht. Ebenso vorbildlich löst sie den im Italienischen festen Regeln folgenden Tempusgebrauch auf. Literarisches Gespür, sprachliche Phantasie, Einfühlungsvermögen, stilistische Vielfalt und Beständigkeit zeichnen das Gesamtwerk von Maja Pflug aus, für das wir sie heute ehren möchten.

Sardinien steht im Mittelpunkt des Buches, für das wir Julika Brandestini den Nachwuchspreis verleihen: Accabadora von Michela Murgia. Der jungen Übersetzerin gelingt es, die kulturelle Eigenständigkeit dieser Insel auch sprachlich zu vermitteln. Der archaische Charakter lagert sich in der typisch sardischen Anrede Tzia ab, die Brandestini beibehält. Auch im Original haben die sardischen Begriffe einen exotischen Effekt, den die Übersetzerin im Deutschen geschickt nachbildet. Es gibt die fillus de anima, die Seelenkinder, es geht um Totenklagen, attittu, und wagemutige Männer, die balentes heißen. Feinfühligkeit beweist Julika Brandestini bei den Bildern und Vergleichen Murgias. „Mit dem ledernen Maßband in der Hand, schnell wie eine Spinne“, heißt es bei Brandestini, bewegt sich Tzia Bonnaria um eine Kundin herum und spinnt „ein geheimnisvolles Netz aus Maßen um die reglose Beute“ (4). Der Geruch nach frischem Brot umgibt die Heldin „wie ein Mutterleib“. Murgias Accabadora hat in Brandestinis Version dieselbe unbehauene Schroffheit und rätselhafte Anmutung wie im Italienischen. Ich beglückwünsche Barbara Kleiner, Maja Pflug und Julika Brandestini, Königinnen im unendlichen Raum der sprachlichen Möglichkeiten. 

Maike Albath, März, 2011 (Es gilt das gesprochene Wort)

(1) „Le buone anime veneziane s’erano per vero molto incarnate nel Settecento! L’opulenza aveva condotto all’ozio, alla frivolezza; questi di pari passo al mal costume, il quale li era contagio universale; talchè le vergogne private correvano apertamente sulle bocche del volgo, né il pudore pubblico andava salvo in quell rovescio d’ogni ordine morale. (…) Per ciò la temperanza in ogni ordine sbandita; perduta la conoscenza del bello, la quale solo può regnare in animi ordinatamente disposti; (…) vendereccie le dignità, i diplomi, le cariche, poiché è l’oro il mezzo d’ogni piacere brutale; l’educazione un tradimento; gli istitutori pubblici o pingui favoriti, o retori pomposi; i domestici servili braccieri o complici previdenti; la società infine un viluppo di boria, di sconcezza, di crassa dabbenaggine, di vili imposture, di sozza piacenteria.”

(2) „Sai nulla tu?“ le disse con tanto d’occhi il podestà. “Io? Nulla affatto – rispose la Morosina tutta sospesa – ma cosa s’intende dire?”

“Non m’intendo dirti nulla per ora – soggunse il podestà – Ma…”

“Ma… che cosa?” richiese inquita la giovine.

“Zitti, ziti!” soggiunse il vecchio con atto di mistero.

“Come, ziti, zitt? Per carità anzi – sclamò la Morosina – se c’è qualche disgrazia ne faccia parte anche a me.”

“Disgrazia! … È una fortunaccia! – gridò il podestà – Immaginate che vogliono…”

“Cosa vogliono?

“Vogliono..”

“Ma per carità, padre mio!”

“E già l’ho detta mezza… tanto fa dirla tutta!... Ecco, vogliono maritarti, figlia mia!”

(3) “Era sempre vestita di nero, ma quando passava per la piazza di Santa Maria del Mare, come fiamme d’inferno i colori le guizzavano intorno, dei gialli, dei viola, perfino talora dei rossi e dei verdi; non portava bracciali, eppure bagliori dorati sembravano splenderle intorno ai polsi. Camminava eretta, rapida, con i grandi capelli rialzati oscillanti: impeto e altezza; sotto la gonna nera si profilava elegante la gamba fino alla coscia; la veste era scollata sul petto magro, arrossato, un largo nastro di velluto nero le fermava le arterie agitate del collo.“

(4) “In ginocchio con il metro di pelle si muoveva rapida come un ragno femmina, tessendo intorno a quelle prede immobili una misteriosa ragnatela di misure”